Master-Plan: Ein paar Semester Essthetik
"Erst kommt das Fressen, dann die Moral." Wer unsere heutigen Ernährungsgewohnheiten, ihre Ursachen und Auswirkungen hinterfragt, stellt schnell fest: Brecht ist aktueller denn je. Die Gleichschaltung des Geschmacks, orakelt Wolfram Siebeck, Elder Statesman der Gastronomiekritik, ist nicht nur unappetitlich, sondern vor allem kulturell und politisch relevant. Längst ist sich auch die Wissenschaft einig: Essen als soziale Handlung strahlt in all unsere Lebensbereiche. Als "soziales Totalphänomen" wird die Art und Weise, das Wie und Wovon wir uns ernähren, bislang jedoch auf intellektueller Ebene eher verhalten debattiert. Dabei laufen wir längst Gefahr, unsere esskulturelle Identität zu verlieren.
In Österreich hat man die Zeichen der Zeit erkannt: Am 23. Januar 2009 eröffnet an der Universität Salzburg das erste deutschsprachige „Interdisziplinäre Zentrum für Gastrosophie“ in Europa. Im Vergleich zu ähnlichen Zentren, etwa der Slow-Food-Universität für Gastronomische Wissenschaften in Pollenzo/Piemont oder der Deutschen Akademie für Kulinaristik mit Sitz in Bad Mergentheim sind Forschung und Lehre an der Universität Salzburg fakultätsübergreifend, umfassend und eng miteinander verknüpft.
Salzburg wählt zudem einen eigenen, gesellschaftsbezogenen, wissenschaftlich-analytischen, reflexiven Ansatz. Ein neuer Studienlehrgang für gastrosophische Wissenschaften mit M.A.S.-Abschluss (Master of Advanced Studies) startet im Herbst. Damit will sich Salzburg als Metropole auf dem Gebiet der „Gastrosophie“ in Europa etablieren.
Das interdisziplinäre Zentrum dient der Zusammenführung natur- und geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse über Nahrung und Ernährung.
Alle Aspekte - von der Erzeugung über die
Verarbeitung und Distribution bis hin zum Konsum - will man ebenso einbeziehen wie die Ethik der Esskultur und damit den kulturwissenschaftlichen Disput ganz im Sinne Eugen von Vaersts pflegen. Der prägte 1851 erstmals den Begriff der "Gastrosophie". Seine "Weisheit des Essens" deutet unter anderem Qualität, Gesundheit und Sittlichkeit als normativen Maßstab der Ernährung - und genau dort will man im "Zentrum für Gastrosophie" in Salzburg anknüpfen.
Ein Arbeitsschwerpunkt wird der
Wissenstransfer zwischen den Disziplinen und über die Universität
hinaus in die Wirtschaft sein, geplant sind neben Publikationen (Buchreihe,
Online-Zeitschrift, Newsletter) auch Fach-Symposien, Kongresse,
Round Tables und Vortragsveranstaltungen.
Die internationale Vernetzung mit ähnlichen
wissenschaftlichen Einrichtungen befindet sich bereits im Aufbau. So beteiligt sich
das Zentrum für Gastrosophie am UNESCO-Projekt einer Kartierung des
kulinarischen Erbes Europas in Zusammenarbeit mit dem französischen
IEHCA (Institut Européen d’Histoire et des Cultures
d’Alimentation).
Strategische Partnerschaften, etwa mit der deutschen Schweisfurth-Stiftung mit Schwerpunkt Ethic Food oder dem Kulinaristik-Forum Rhein-Neckar an der Gutenberg-Universität Mainz runden das Spektrum ab.
Bei der Auftaktveranstaltung am 23. Januar 2009, bei der unter anderem der Hamburger Kulturwissenschaftler Harald Lemke zum Thema "Essen und Wissen" referiert, feiert das Zentrum nicht nur ganz offiziell, sondern auch virtuell unter www.gastrosophie.at Eröffnung.
Weitere Informationen:
Zentrum für Gastrosophie
an der Universität Salzburg
Rudolfskai 42
A-5020 Salzburg
Koordination: Magister Dorothea Gmeiner-Jahn
Tel.: +43 (0) 662/8044-4786
Dorothea.Gmeiner-Jahn2@sbg.ac.at
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